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Neues aus der Forschung
Schmerztherapie „von der Stange" kann riskant sein.
Bekanntermaßen kann dieselbe Menge eines Schmerzmittels bei einem Patienten hervorragend anschlagen, bei einem anderen aber lebensbedrohliche Nebenwirkungen hervorrufen.
Eine Studie der Universität Bonn zeigt nun, welche Rolle genetische Varianten bei der Schmerzbekämpfung spielen.
Weil das menschliche Schmerzempfinden sehr subjektiv ausfällt, ist es für Ärzte in der Regel schwer, den tatsächlichen Schmerzmittelbedarf zu ermitteln.
Mit Hilfe einer Schmerzmittelpumpe, die nach größeren Operationen häufig eingesetzt wird, kann dieser Bedarf genauer quantifiziert werden. Die Patienten können ihr Schmerzmittel per Knopfdruck selber abrufen. Der subjektive Schmerzmittelbedarf kann bei einem bestimmten Eingriff um den Faktor 20 bis 50 variieren.
In der in Bonn durchgeführten Studie konnten die Teilnehmer über eine solche Schmerzmittelpumpe entscheiden, wie viel Tramado! sie über eine Infusion bekamen. Die Forscher stellten fest, dass die Menge des zugeführten Schmerzmittels unter anderem von der genetischen Ausstattung des jeweiligen Patienten abhing. Ein hoher Verbrauch an Tramadol in den 48 Stunden nach einer Operation hing signifikant mit einer bestimmten genetischen Variante des CYP2DA zusammen, die ,Poor Metabolizer' genannt wird. „Poor Metabolizer" produzieren nur wenig Enzym des Typs CYP206, das für die Verstoffwechselung zahlreicher Medikamente verantwortlich ist. Das Enzym wandelt u.a. die Schmerzmittel Tramadol und Codein in ihre wirksamen Formen 0-Demethyltrama-dol und Morphin um. Die schmerzlindernde Wirkung für diese beiden Medikamente ist dadurch herabgesetzt. Im Gegensatz dazu bewirkt die CYP2D6-Variante „Ultra Rapid Metabolizer" genau das Gegenteil. Besonders viele Enzyme werden synthetisiert. Bei Menschen mit dieser Variante setzt die Schmerzmittelwirkung von Tramadol und Codein sehr schnell und ausgeprägt ein. Allerdings birgt sie auch ein überdurchschnittlich hohes Risiko für Nebenwirkungen.
Für diese Genvarianten gibt es regionale Unterschiede in der Verteilung. So taucht die CYP2D6-Genvariante „Ultra Rapid Metabolizer" bei Skandinaviern nur mit einer Wahrscheinlichkeit von etwa zwei Prozent auf, während fast ein Drittel aller Äthiopier diese Genversion hat.
Auf der Grundlage dieser Ergebnisse befürworten die Bonner Forscher eine verstärkte Individualisierung der Schmerztherapie. Vor allem bei Patienten mit chronischen Schmerzen und bei solchen, die gleichzeitig mehrere Medikamente einnehmen, sollten genetische Tests durchgeführt werden, die derzeit für die tägliche Routine aber noch zu teuer sind.
Originalpublikation:
Stamer UM, Stüber F, Muders T et al. (2008)
Respiratory depression with tramadol in a patient with renal impairmentand CYP2D6 gene duplication. Anesth Analg. 107(3):926-929
Quelle: Universität Bonn www.uni-bonn.de
